Märchen als Stopmotion-Filme

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Eine Kamera, die Gebrüder Grimm, zwei fünfte Klassen und ganz viel Fantasie und Elan, das waren die Grundlage für zwei märchenhafte Film-Produktionen.
Mit dem Übermut von Kindern, euphorisch und im Eifer ohne Rücksicht einem Vorhaben folgend, handeln die Protagonisten der beiden Märchen der Gebrüder Grimm. Nehmen wir noch eine Prise Hochmut und Arroganz mit dazu, so erkennen wir mühelos den Charakter des kleinen „Zaunkönigs“ und der Prinzessin in „König Drosselbart“. Die Herausforderung für die Schüler(innen) der 5 B und 5 D war es, in der Art eines Schattentheaterstücks beide Geschichten in einer sehr reduzierten Darstellung, mit wenigen Mitteln auf die „Leinwand“ zu bringen. Das bedeutete also, sich mit der Kunst des Weglassens zu beschäftigen. Denn es ist alles andere als einfach und schnell, eine Figur aus einem schwarzen Karton auszuschneiden. Versucht man es selbst einmal, ganz optimistisch ohne Vorzeichnung, erhält man zuverlässig eine Figur, die wahrscheinlich noch Arme, Beine und Kopf hat, mit Glück auch Füße, Hals und Hände. Etwas ganz Entscheidendes fehlt jedoch: die persönliche Note und damit auch der Charakter.
Bleiben wir bei der Darstellung einer Märchenfigur. Trägt sie feine Kleidung, edle Schuhe, lange oder kurze Hosen, ein Kleid? Setzt sich die Oberbekleidung von den Beinkleidern, den Händen und dem Hals ab? Welche Frisur hat die Person? Gibt es einen Hut oder weitere Accessoires? Ist dies geklärt, stellt sich die Frage, um welche Persönlichkeit es sich handelt. Wie lässt sich „Stolz“ mit schwarzem Karton darstellen? Wie sieht Alter aus? Da scheinen die Lösungen für groß und klein, dick und dünn recht naheliegend. Und dennoch sollen auch diese Papp-Figuren Haltung bewahren.
Bereits durch steinzeitliche Wandmalereien und deutlicher noch durch vielfältige Darstellungen menschlicher Tätigkeiten auf den Wänden in ägyptischen Pyramiden, wissen wir, dass von der Seite dargestellte Figuren viel leichter zu erkennen sind, als frontal abgebildete. Insofern sind die meisten von den beiden Klassen entworfenen Personen und Tiere der Märchen im Profil zu sehen.
Im ersten Schritt auf dem Weg zum Film wurden die „Rollen verteilt“. Jede Schülerin und jeder Schüler übernahm die Gestaltung einer Figur, eines Menschen oder Tieres, je nach Geschichte.
An mittelalterliche Darstellungen von Burg, Ballsaal, König, Edelmann und Prinzessin für den „König Drosselbart“ konnten sich die Schüler(innen) anhand zahlreicher recherchierter Bildbeispiele herantasten. Dem „Zaunkönig“ näherten sich die jungen Künstler(innen) mittels Abbildungen von Kiebitz, Taube, Huhn, Lärche, Sperling und vielen anderen Vögeln.
Nach dieser anspruchsvollen Entwurfsphase bildeten die Klassen im zweiten Schritt Kleingruppen als „Produktionsteams“. Jedes Team übernahm die Inszenierung festgelegter Abschnitte des Märchens. Diese Kleingruppen hatten die alleinige Verantwortung für die „Regie“, die „Requisiten“ und die richtige Chronologie der Handlung. Während Personen und Örtlichkeiten im „König Drosselbart“ ausschließlich mit prägnanten, liebevollen und detailreichen Scherenschnitten dargestellt wurden, ergänzen farbig gestaltete Hintergründe die Szenen im „Zaunkönig“.
Nun zu den Hauptdarstellern. Weder Prinzessin noch Zaunkönig stellen Ihr Tun infrage. Beide verstören die Umwelt durch Frechheit und Hochmut. Sie erheben den Anspruch einer Sonderbehandlung, ohne diese verdient zu haben. Während die Prinzessin ihre Lehren aus dem Leben als arme Spielmannsgattin zieht und mit dem einst verspotteten Drosselbart glücklich wird, sind die Glücklichen im Märchen „Der Zaunkönig“ die vielen Vögel, die den frechen kleinen Zaunkönig hinter sich gelassen haben. Er selbst katapultiert sich aus der Gemeinschaft heraus und bleibt alleine in den Zaunhecken zurück. Sein Hochmut hat ihn zu Fall gebracht.
Nachdem alle Szenen im „Kasten“ waren, hatten die beiden Klassen zusammen 1200 Fotos geschossen. Nach dem Prinzip „Daumenkino am Rechner“ wurden Bild für Bild, Szene für Szene hintereinander gesetzt. Das Einspielen der Audiospur erforderte ein weiteres Anpassen und Schneiden sowohl des Bild- wie des Audiomaterials. Mit Akribie und verschiedentlicher Improvisation ließen sich längere Textpassagen dem Bildmaterial anpassen und umgekehrt.
Die mit großartiger Ausdauer und Energie produzierten Stopmotion-Filme der Klassen 5 B und 5 D sind liebenswert und vor allem einfach sehenswert.

Alice Lüder