Zeitreise ins Spätmittelalter – Personalausflug auf die Cadolzburg

Das erst am 24. Juni 2017 nach jahrelangen Umbau- und Renovierungsarbeiten eröffnete Burgerlebnismuseum auf der Cadolzburg bei Fürth war Ziel des diesjährigen Personalausflugs und für alle Teilnehmer eine kleine Sensation. Hier trafen wir nicht auf sattsam bekannte Mittelalter-Kulissenarchitektur oder folkloristische Burgenromantik, sondern auf ein Museum, das einen synästhetischen Gesamteindruck der bedeutenden spätmittelalterlichen Zollernburg vermitteln konnte und einen dementsprechend nachhaltigen Eindruck hinterließ. Das Spätmittelalter mit allen Sinnen zu erfassen, mit modernster Technik, wissenschaftlichem Anspruch und ohne Disney-Allüren, das ist das erklärte Credo dieses bayernweit einzigartigen Museums, das mittlerweile zum Publikumsmagneten der Region avanciert ist. Beim Überqueren der Zugbrücke hörten wir Hufgetrappel, in der Eingangshalle schlug uns Rosenduft entgegen – ein historisch verbürgtes Vademecum gegen den sonst üblichen Gestank – und in der historischen Küche konnte die Nase den Geruch einer Räucherkammer erfassen. Auch für die Geschmacksnerven wurde ein Beispiel aus der Vergangenheit kredenzt: kandierter Kümmel, eine Spezialität, welche die ehemaligen Burgbewohner sehr schätzten. Die Geschichte der aus dem Schwäbischen stammenden Zollern findet in dieser ersten großen zollerischen Burg in Franken herausragende Würdigung, wobei vor allem dem Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg und seiner Frau Anna von Sachsen breiter Raum gewidmet ist. Hier konnten wir auch die mustergültige Rekonstruktion seiner Prunkrüstung und ihres Prunkgewandes bewundern. Weil die neue Residenz Ansbach der Cadolzburg später den Rang ablief und letztere an Bedeutung verlor, konzentrierte man sich bei der Ausstellung auf die Blütephase des 15.Jahrhunderts, die hier in allen Facetten widergespiegelt wird. Fachkundige Living-History-Handwerker stellten authentische Helme, Waffen, Kleidungsstücke und andere Exponate zum Anfassen her, Besucher können darüber hinaus sowohl das Liegegefühl in einer hochherrschaftlichen Bettstatt als auch den einfachen Strohsack zum Vergleich ausprobieren. Doch auf der Cadolzburg lässt sich auch mit einer VR-Brille in die Vergangenheit tauchen oder ein Kolbenturnier mit LED’s ausfechten, was sich einige Kollegen nicht entgehen ließen. Und eine junge Kollegin verwandelte sich unversehens in eine attraktive höfische Dame aus vergangenen Tagen. „Histotainment“ ist aber nur ein Aspekt des Museums, das sich an die unterschiedlichsten Besuchergruppen wendet und keineswegs an der Oberfläche bleibt. Fehler früherer unsachgemäßer Rekonstruktionen der im Zweiten Weltkrieg abgebrannten Burg, etwa beim Sterngewölbe im Erkersaal, werden ebenso wenig eliminiert wie die Funktion der Burg als ehemalige Führerschule der Hitlerjugend in der NS-Zeit. Videoinstallationen ergänzen hier wie in vielen anderen Bereichen der Burg die Räume und Exponate, so dass den Besuchern insgesamt ein ausgeklügeltes und unaufdringliches multimediales Gesamtpaket zur Verfügung steht, aus dem sie individuell wählen können. Beeindruckt sowohl von der Qualität der Exposition als auch vom ansprechenden Rahmen des Gebäudes und der gekonnten Inszenierung einer längst vergangenen Zeit, verließen wir die Cadolzburg wieder und ließen den Tag bei einem Abendessen in Gungolding entspannt ausklingen.

Andreas Stolz