Vorreiter im Vernetzen

Lernen außerhalb des Klassenzimmers: Der Vernetzte Unterricht, das Herzstück der Marchtaler Plan-Pädagogik, wie sie an der Maria-Ward-Realschule in Eichstätt eingeführt ist, will den Schülern Inhalte anders erschließen. Neben Besuchern beim Imker gab es schon Projekte „Römische Frisuren“ oder auch archäologische Arbeit.Eichstätt (EK) 2009 beginnt die Maria-Ward-Realschule in Eichstätt mit der Reformpädagogik des "Marchtaler Plans". Seit 2014 ist man zusammen mit Schrobenhausen federführend bei der Erstellung des Unterrichtsplans.

Die Steinzeit. In erster Linie eigentlich ein Thema der Geschichte. Nicht wirklich. Denn diese Epoche der Menschheit lässt sich von vielen Seiten beleuchten: Dieser frühesten Epoche der Menschheitsgeschichte können Schüler sich anhand von Aspekten aus der Geschichte (wann), der Geografie (wo) und sicher auch dem Religiösen (was) nähern.
Eine staatliche Regelschule mit starrer Fächertrennung braucht dafür sicher mehrere Stunden, und für die Schüler könnte es schnell langweilig werden, weil man das eine oder andere schon kennt. Aber, wie wäre es, wenn man diese Aspekte miteinander vernetzt? Und das alles unter der Sicht des christlichen Weltbildes - in unserem Beispiel wohl der Schöpfung. An der Eichstätter Maria-Ward-Realschule nichts Unbekanntes, "Vernetzter Unterricht" nennt sich das Ganze. Dort werden Religion, Geschichte, Erdkunde und Biologie als achtstündige Einheit unterricht - nicht mehr fach-, sondern themenbezogen.

Aber die Lehrer dort haben nicht den Stein der Weisen erfunden, sondern auf ein Modell zurückgegriffen, das 1984 an den kirchlichen Schulen in Baden-Württemberg eingeführt worden ist. "Es ist das einzige elaborierte Konzept der Reformpädagogik", sagt Schulleiterin Professor Dr. Barbara Staudigl. Und das einzige, das sich eins zu eins auf katholische Schulen übertragen lasse. Nicht zuletzt deshalb hat die Diözese Eichstätt als Trägerin der Realschule dieses Konzept 2009 eingeführt - in zwei Varianten: einerseits Klassen im Ganztag, die komplett nach dem Marchtaler Plan arbeiten - nämlich der Morgenkreis, die Freie Stillarbeit (Fächer: Englisch, Deutsch, Mathematik, Geschichte, Erdkunde, Biologie, Religion mit dem Ziel der selbstständigen Erarbeitung von Inhalten) und eben jener bereits angesprochene Vernetzte Unterricht.

Zehn Klassen gibt es aktuell an der Schule, die nach der Reformpädagogik unterrichtet werden. Andererseits wurden die Elemente des Marchtaler Plans so weit möglich in den normalen Unterricht übernommen. "Uns geht es darum, das christliche Menschenbild im Leben zu fundieren", sagt Staudigl. "Wir stellen halt auch die Frage, wie Gottesebenbildlichkeit im Mathematikunterricht aussieht", bringt es die Schulleiterin auf den Punkt.

Staudigl hat das Ganze federführend betrieben, von Anfang an war die Maria-Ward-Realschule in Eichstätt anerkannte Pilotschule. Dort sieht man den Marchtaler Plan als "pädagogisches Neuland", das kirchliche Realschulen betreten, die Schulen sähen darin "einen guten Weg einer möglichen Profilierung" und "sie erkennen darin zudem die Chance, die Kompetenzorientierung im Unterricht weiter zu stärken", teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Erst vor wenigen Tagen haben der Schulabteilungsleiter des Bistums, Dr. Peter Nothaft, Staudigl und Lehrer Michael Klenz in München eine erste Bilanz vorgelegt - und die Ministerialen waren durchaus angetan.

Eichstätt ist nicht nur das Flaggschiff der reformpädagogischen Bewegung in der Kirche, sondern auch Vorreiter in Sachen Lehrerbildung: Gemeinsam mit der Dekanin der Fakultät für Religionspädagogik, der Bibelwissenschaftlerin Professor Dr. Sabine Bieberstein, hat Staudigl einen eigenen Qualifizierungskurs aufgelegt, den Lehrer durchlaufen müssen, um den "Vernetzten Unterricht" an ihren Einrichtungen auch einführen zu können. 45 weitere katholische Schulen bayernweit sind mittlerweile dem Beispiel aus Eichstätt gefolgt und haben den Marchtaler Plan bei sich eingeführt.

Das Arbeiten nach dem normalen Lehrplan für Realschulen funktioniert da nicht mehr. Deswegen hat das Katholische Schulwerk Bayern - die übergeordnete Instanz der kirchlichen Schulen im Freistaat - vor drei Jahren eine Lehrplankommission ins Leben gerufen. Die soll für den "Vernetzten Unterricht" einen "Unterrichtsplan" aufstellen. Federführend sind hier die Eichstätter mit Lehrer Michael Klenz und die Maria-Ward-Realschule in Schrobenhausen; zwei weitere Realschulen entsenden Vertreter in das insgesamt sechsköpfige Gremium. Das hat mittlerweile die Unterrichtspläne für die Klassen fünf und sechs fertig, aktuell wird an den Jahrgängen sieben und acht gearbeitet. "Wie können wir unsere Kinder zur Freiheit erziehen und ihren Horizont erweitern", fragt Klenz, der schon 2010 mit der Erarbeitung eines schulinternen Lehrplans für den Vernetzten Unterricht begonnen hatte.

Durch diese Unterrichtsform, die die Schüler schätzen gelernt hätten, ergebe sich nicht nur ein wenig mehr Zeit für eine intensivere Lehrer- und Schülerbeziehung (Staudigl: "Die bekommt eine neue Qualität"), sondern auch für eine ausgedehnte Projektarbeit statt Frontalunterricht. "Und die Eltern bringen sich ein." Beim Thema Römer habe es etwa schon einen Frisurenworkshop gegeben, weil sich eine Mutter, die ein Friseurgeschäft hat, hier engagiert hat. "Ein Verweben in den Alltag hinein verfestigt Inhalte anders", sagt Staudigl. Und alles zwischen den Klammern des christlichen Menschenbildes.

 

Peter Nothaft: „Eigenes Profil“

Schulabteilungsleiter über …

die Einführung:
Der Marchtaler Plan ist aus Baden-Württemberg kommend einer der bewährten Wege, katholischen Schulen ein eigenes Profil zu verleihen. Deswegen war es für Verantwortliche der Diözese eine langsam reifende Idee, das auch an diözesanen Schulen einzuführen. An Maria Ward ist das mit dem Schulleiterwechsel gelungen. Nach und nach haben sich auch Elemente dieser Form an anderen diözesanen Schulen ausgeprägt.
Zusammenarbeit:
Eine Form der Zusammenarbeit besteht über die Menschen, die sich an der KU weiterqualifizieren. Dieses Netzwerk ist für die Praxis wie auch für weitere Ideen sehr furchtbar. Die andere Seite ist, dass sich auch das Katholische Schulwerk dem Marchtaler Plan verschrieben hat und etwa durch Fortbildungen eine Plattform ermöglicht. Es wird sicher darüber hinaus noch weitere Formen geben und brauchen.
eigene Erfahrungen:
Was wir bei unserer jüngsten Tochter mit Sicherheit beobachten konnten, ist, dass das Denken in diesen Vernetzungen zunimmt. Deswegen sind Schülerinnen und Schüler nicht anders als andere auch. Aber sich Gedanken über Gott und die Welt machen, das hineinzutragen in Themen, die man sonst gar nicht damit verknüpft, ist etwas, was mir Freude gemacht hat zu beobachten. Da sind aber auch durchaus kritische Formen der Auseinandersetzung.
die Finanzierung:
Es entstehen begleitende Kosten durch Fortbildungen und Anschaffungen. Hier hat uns die Willibaldsstiftung der Diözese speziell auf dieses Konzept hin bislang großzügig unterstützt und will es auch weiterhin tun.

 

UMFRAGE

Fabian Sterner (15):

„Der Vernetzte Unterricht bringt mich weiter: Im Mittelpunkt steht die Selbstständigkeit, mit der man verschiedene Dinge und sich selbst entdecken kann.“

Nina Gabler (15):

„Man hat bei diesem Unterricht einen ganz anderen Bezug zu den Lehrern. Durch die offenen Formen entsteht eine andere Beziehung, man kennt sich besser und lernt den Lehrer auch aus anderer Sicht kennen.“

David Bertok (15):

„Ich habe über die Jahre gelernt, Präsentationen schnell und kompetent vorzubereiten. Außerdem konnte ich freies Sprechen lernen, was mir später sicher helfen wird.“

Pauline Engmann (15):

„Man kommt mit dem freien Studium im Alltag schon schnell zurecht. Es ist für das berufliche Leben von Vorteil, nicht von allem abhängig zu sein.“

 

Quellle: Eichstätter Kurier vom 11.04.2017 von Marco Schneide