Verhängnis Chatroom –

Theatergruppe der Maria-Ward-Realschule präsentiert zeitkritisches Jugendstück.

„Communicate.me“ heißt das an Aktualität nicht zu überbietende Theaterstück, welches die Schulspielgruppe der Maria-Ward- Realschule Eichstätt unter Leitung von Martina Hafemann jüngst in der Rebdorfer Aula präsentieren konnte. Dessen Autorin Ulrike Winkelmann („Reden ist Silber, Chatten ist Gold“) trifft damit mitten ins Herz der zeitgenössischen Jugendkultur.

„Wir waren ganz gewöhnliche Jugendliche …“ lautet der dem eigentlichen Stück vorangestellte Eingangskommentar von Steven, einer der Hauptfiguren. Was daraufhin folgt, ist eine Abfolge scheinbar harmloser Ereignisse, die immer mehr in einen Abwärtsstrudel führen und schließlich in eine Katastrophe münden. Ein typischer Smalltalk über Mode, Bauchtanz und Jungs eröffnet den Reigen der Gespräche, die verschiedene Mädchen in einem Café führen. Doch schon hier zeigen sich erste Risse in der Freundschaft, indem sich einige über die den Tod ihres Vaters betrauernde introvertierte Nadja lustig machen („Man wird ja schon depressiv, wenn man dich nur anschaut!“). Nadja, fulminant gemimt von Nadine Fetsch, die auch die Rolle des DJ Steven perfekt mit Leben füllte, lässt sich zunächst nicht davon beirren. Die ignorante Sarah (Anna Knörr mit überzeugender Bühnenpräsenz) sieht in ihr daraufhin nichts als eine Spaßverderberin. Steffi, temperamentvoll und charakterstark dargestellt von Jasmin Brendel, hat sich indes komplett verändert, da sie in einem Chatroom einer gewissen „Madonna“ (Annika Huter) nacheifert, die sie zu waghalsigen Stunt-Manövern („Grenzen auschecken“) animiert. Von ihren alten „uncoolen“ Aktivitäten und Freundinnen will sie nichts mehr wissen, da diese ihr keinen entsprechenden „Kick“ mehr verschaffen können. Die junge Paula, authentisch verkörpert von Marie Dirmeier, leidet währenddessen an Liebeskummer, weil Steven sie wegen eines anderen Mädchens verlassen hat. Judith (eindrucksvoll: Johanna Eden) verweigert ihr ein persönliches Krisengespräch und hängt stattdessen dauernd an der Strippe. Trost sucht Paula deshalb auf Anraten von Anna (bewegend: Annika Huter) bald unter Gleichgesinnten in einem entsprechenden Chatroom („Broken Heart“), in dem Rachephantasien und Ressentiments gegen „die Männer“ gesponnen werden: „Hass gibt dir neuen Antrieb!“ Judith fühlt sich dagegen genervt von ihrem Freund und lässt sich ihre an ihn gerichteten abschlägigen Antworten am Telefon mehr oder weniger von ihren Freundinnen Muriel (Sophia Hallmeier) und Yvonne (Lena Wimmer) diktieren. Die zunächst brave Tina wird indes von Steffis Freundin Carolin (starker Auftritt: Lucia Szilagyi) genötigt, ihren „Style“ und ihren Musikgeschmack zu ändern, um zur „Parcours-Klicke“ dazugehören zu können. Melinda Pfaller als Tina gelang es hier kongenial, diesen aufgenötigten Wechsel in ihrer „Lebenseinstellung“ auch habituell auf die Bühne zu bringen. Mit diesem Wechsel aber geht Tina auf Distanz zu ihrer alten Freundin Olesja (adäquat: Filippa Baur), die dem „uncoolen“ Indie-Pop zugetan ist und keine so „abgefahrenen Sachen“ unternimmt wie Tinas neue Klicke. Nadja muntert daraufhin die von ihrer Freundin verlassene Olesja auf und stürzt sich in eine Romanze mit Stevens kleinem Bruder Leon (Marie Dirmeier), der sie als „Eisfee“ in einem Chatroom kennengelernt hat. Vorübergehend scheint die Welt für die labile Nadja wieder in Ordnung zu sein, bis die „Eisfee“ schließlich von einem „Lichtengel“ angesprochen wird, der ihr einen Weg zu ihrem verstorbenen Vater zeigen will. Unversehens ist sie in ein esoterisches Forum für Suizidwillige geraten und nimmt sich schließlich das Leben. „Hätten wir doch bloß nie mit dem Chatten angefangen!“ ist danach der einhellige Tenor der Jugendlichen, aber die Reue kommt zu spät. Die live eingeblendeten audiovisuellen Chat-Texte und teils dramatischen Lichteffekte sowie die abstrakten und gleichzeitig lebensnahen Bühnenbilder vermittelten die entsprechend authentische Atmosphäre jugendlicher Lebenswelten unserer Zeit, so dass die Zuschauer in aufgewühlter und nachdenklicher Stimmung zurückblieben.

Andreas Stolz