Tür auf. Abgeordnete unterrichten an freien Schulen Bayerns!

Zwei Landtagsabgeordnete aus Eichstätt: zwei ehemalige Schulleiterinnen besuchen die zwei katholischen Schulen.

Gerne folgten Eva Gottstein (Freie Wähler) und Tanja Schorer-Dremel (CSU) der Einladung zum Tag der freien Schulen, der vom Verband Bayerischer Privatschulen, dem katholischen Schulwerk in Bayern und der Evangelischen Schulstiftung in Bayern organisiert und von Montessori- und Waldorfschulen unterstützt wurde. Ziel dieses Tages, an dem Abgeordnete des Landtags an freien Schulen eine Unterrichtsstunde halten, ist es, einerseits bei Schülerinnen und Schülern Politikverdrossenheit zu reduzieren und Interesse und Neugierde für die Arbeit der Mandatsträger zu wecken, andererseits im Landtag das Bewusstsein für Schulen in freier Trägerschaft zu schärfen.

In der spannenden Zeit der Regierungsbildung in Bayern und Berlin kamen die beiden Politikerinnen am 12. und 13. März ins Schulzenturm Kloster Rebdorf, um an den Schulen je eine Unterrichtsstunde mit den 9.- und 10. Klässler/innen zu gestalten.

Für Eva Gottstein war es ein doppeltes „Coming home“, war sie doch selbst Lehrerin an der Maria-Ward-Realschule, ehe sie als Schulleiterin zum Staat und dann in die Politik wechselte. Eine 10. Klasse stellte ihr Fragen:

Wie wird man Politikerin, Frau Gottstein?
Es beginnt damit, eine Meinung zu haben, sie zu vertreten und sie dann in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Im Grund lernt man das bereits in der Schule- als Klassensprecher, als Schülersprecher, in der SMV.

Und warum sind Sie gerade zu den Freien Wählern gekommen?
Das hat ein bisschen mit Ausschlussverfahren zu tun. Man schaut sich die Themen, die einem wichtig sind, in den verschiedenen Parteien an. Und bei den Freien Wählern hat es für mich gut gepasst – auch vor dem Hintergrund des Frauenbildes. Es ist mir ganz wichtig, dass eine Partei die Frauenfrage ernst nimmt.

Aber die Freien Wähler haben nur 17 Sitze im Landtag. Kann man trotzdem was bewegen?
Ja, natürlich. Die Freien Wähler haben zum Beispiel ein Volksbegehren gegen die Studiengebühren auf den Weg gebracht, sie haben sich stark gemacht, dass das 9-jährige Gymnasium wieder eingeführt wird. Oder die Beteiligung der Anwohner an den Gebühren für die Straßenrenovierung, die nun abgeschafft wird. Das sind Anträge der Freien Wähler, die politisch erfolgreich waren.

Arbeiten Sie denn mit Politikern anderer Parteien zusammen?
Privat versteht man sich mit vielen völlig unabhängig von Fraktionen gut. Aber natürlich hat Politik immer auch was mit Konkurrenz unter den Parteien zu tun. Aber wir sind alle gewählt, um gute Arbeit für das Volk zu machen. Da muss man zusammenarbeiten können.

Könnten Sie sich vorstellen, dass die Freien Wähler mit der CSU zusammen regiert falls diese keine absolute Mehrheit mehr bekommen sollte?
Natürlich, jeder, der gewählt wird, sollte bereit sein, in die Regierungsverantwortung zu gehen, dafür hat er ja die Wählerstimmen bekommen.

Wir hatten vor zwei Jahren hier an unserer Schule eine Willkommensklasse für Kinder und Jugendliche, die in der alten Maria-Ward-Realschule untergebracht waren, aber noch keine Aufenthaltsstatus hatten. Und jetzt haben wir eine Abschiebeeinrichtung in Eichstätt. Wie sehen Sie das?
Ich war öfter in Manching in der Einrichtung für Flüchtlinge mit geringer Bleibewahrscheinlichkeit. Menschlich ist das oft ganz schwierig, ohne Frage. Aber wir müssen politisch das Asylrecht sehr ernst nehmen, sonst höhlen wir es aus. Asyl bekommt man nicht, wenn man aus so gen. sicheren Drittstaaten kommt. Ihr konntet an einer kirchlichen Schule anders handeln. Für Kirche gelten Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe und das ist gut so. Was ich nicht gut heiße, ist die politische Anklage von Gemeinden oder Pfarrern, die sich mutig für Flüchtlinge einsetzen.

Und noch mal zurück zur Schule: Wie würden Sie Schule gestalten?
Zum einen bin ich überzeugt davon, dass wir eine Ganztagesschule brauchen, damit alle Kinder gleiche Bildungschancen haben. Und zum anderen glaube ich, dass wir viel freier denken müssen, die jungen Menschen früh zur Verantwortung erziehen, sie fürs Leben vorbereiten und nicht engmaschig kontrollieren.

Auch Frau Schorer-Dremel beantwortete bei ihrem Besuch der beiden Schulen eine Vielzahl von Fragen der Zehntklässler, natürlich auch jene, wie es in Bayern weitergehen kann nach dieser Woche.

Wie wird man Ministerpräsident in Bayern, Frau Schorer-Dremel?
Man muss zunächst einmal 40 Jahre alt, aber nicht Mitglied des bayerischen Landtags sein, der den Ministerpräsidenten wählt. Und um sich für den Landtag aufstellen zu lassen, muss man lediglich volljährig und nicht straffällig geworden sein.

Im Landtag sind nur ca. 30 % Frauen und 70 % Männer. Warum ist das so?
Zum einen vernetzen sich Männer besser, können sich oft auch besser durchsetzen. Vielleicht nehmen sie Herausforderungen schneller an, während Frauen sich manches nicht zutrauen. Und natürlich bleibt dann auch die Frage der Kinderbetreuung. Jede Frau, die beruflich sehr aktiv ist, wird sofort gefragt, wer die Kinder betreut. Männern stellt man die Frage nicht. Da muss sich in der Gesellschaft das Frauenbild ändern.

Welchen Bereich Ihrer Arbeit im Landtag mögen Sie am liebsten?
Ich arbeite sehr gerne in der Kinderkommission. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Bildungsgerechtigkeit oder Kinderambulanz oder auch der Frage von Kinderehen. Das ist ein sehr spannendes Thema, wie wir mit jungen Mädchen umgehen, die noch als Kinder verheiratet wurden. Deutschland ist hier einen klaren Weg gegangen, indem diese im Ausland geschlossenen Ehen nicht akzeptiert werden und die Ehen ungültig sind, egal, ob die Mädchen bereits Kinder haben oder nicht.

Menschenrechtsverletzungen bei wichtigen Handelspartnern sind offensichtlich. Wie kann die Politik, z.B. in China, Einfluss nehmen?
Das ist ein sehr wichtiges Thema! Doch Handelsbeschränkungen zeigen oft wenig Wirkung, lösen Gegenreaktionen aus und niemand will Handelskriege. Denkt an die aktuellen amerikanischen Stahlsteuern! Wichtig ist in jedem Fall das geschlossene Auftreten der EU.

Als Schüler sind wir oft auf die Bahn angewiesen, doch Verbindungen und Preise sind nicht attraktiv. Aus Gründen des Umweltschutzes sollte man das verbessern.
Keine Frage: Für den Klimaschutz ist die Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs einer der Hauptansatzpunkte. Neben alternativen Antriebstechniken brauchen wir Konzepte wie z.B. Car-Sharing, um gesteckte Ziele erreichen zu können. Allerdings leben wir in einem Flächenlandkreis und da ist vieles nicht ebenso umsetzbar wie in Ballungsräumen.

Umweltpolitisch geht es oft darum, Grenzwerte einzuhalten. Ist dies nicht unsinnig, wenn man sieht, wie diese festgelegt wurden und wie strittig diese teilweise sind?
Das Thema ist sehr komplex. Eure Anmerkungen sind nicht unberechtigt. Vorschriften sind – entsprechend Notwendigkeiten und der aktuellen Forschung – zu prüfen und auch anzupassen. In der Tat sind aber einmal gesetzlich festgelegte Grenzwerte oberste Richtschnur.

Welche Voraussetzung braucht man Ihrer Meinung nach, wenn man in die Politik gehen möchte?
Man sollte gut reden können, aber ebenso gut zuhören; man muss Aufgaben delegieren und anderen auch etwas zutrauen können, ein gutes Zeitmanagement besitzen. Und ganz wichtig: Man darf nicht sofort beleidigt sein und alles persönlich nehmen.

Barbara Staudigl