ROMEO UND JULIA RELOADED



Maria Ward-Theatergruppe spielt modernen Klassiker
In einer modernen Adaption von Norbert Franck brachte die Theatergruppe der Maria Ward-Realschule unter Leitung von Martina Hafemann den alten Shakespeare-Klassiker „Romeo und Julia“ auf die Bühne und sorgte damit nicht nur für Kurzweil und viele Überraschungen, sondern auch für einen zeitgemäßen Zugang zu einem alten Evergreen.

Die ewig junge Geschichte, die bekanntlich schon mehrfach in verschiedene Zeiten und Milieus transponiert wurde und als Verfilmung mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle mittlerweile schon Kultstatus genießt, wird hier mitten in der Lebenswelt zeitgenössischer Schüler angesiedelt. Schauplatz der Story ist eine Gesamtschule mit Realschul- und Gymnasialzweig, deren unterschiedliche Schüler sich nicht grün sind und immer wieder aneinandergeraten. Geschürt werden die Animositäten noch durch Frau Rottweiler, die Schulleiterin des Gymnasiums, deren elitäre Haltung zur Ausgrenzung und Diskreditierung der Realschüler führt. Marlies Stegmann verkörperte diesen resoluten und unbeugsamen Charakter auf kongeniale Weise bis in kleinste Details von Mimik und Gestik. Ausgangspunkt der Verwicklungen ist eine Theaterprobe zu eben besagtem Klassiker, wobei der Gymnasiast Simon (Anneke Willms) als „Schlaftablette“ für die Rolle des Romeo auf Ablehnung stößt. Daraufhin wird der Realschüler Romeo Belmonte (Katharina Gühne) als Alternative ausersehen und verguckt sich während einer weiteren Probe prompt in die Gymnasiastin Julia Kapulet (Barbara Fetsch). Die sich anbahnende Liaison wird weder von der Fraktion ihrer gymnasialen Freunde, noch von ihrer ehrgeizigen Mutter goutiert und nach Kräften hintertrieben. Während Hannah Schieren als Patrick Prinz auf geniale Weise den eifersüchtigen und mackerhaften großen Wortführer der Gymnasiasten markierte, bestach Marina Schödl als divenhafte und arrogante Frau Kapulet , vor allem mit ihren furiosen Ausfällen gegenüber Herrn Belmonte (Anneke Willms in einer zweiten Rolle), dem Eisverkäufer und Vater Romeos, der ihre soziale Überlegenheitsattitüde rücksichtslos und penetrant zu spüren bekommt . Zwei Welten prallen hier aufeinander und bis zum Schluss zieht sich ein regelrechter Riss durch den Mikrokosmos der Beteiligten, sinnfällig veranschaulicht durch das raffiniert gebrochene Bühnenbild des Ingolstädter Künstlers und Grafikers Marc Köschinger, das durch alle wechselnden Szenerien hindurch immer wieder den gleichen Riss aufwies. So nimmt es nicht weiter wunder, dass ein solcher Konflikt schließlich eskalieren muss: Romeos bester Freund Marc provoziert den Gymnasiasten Tybor so lange, bis aus einem Schlagabtausch eine handfeste Schlägerei wird und Marc krankenhausreif geschlagen wird. Authentisch in den starken Kampfszenen und bei der entsprechenden Wortwahl figurierten hier Madleine Mahring als stimmgewaltiger Marc und Kim Jäger als temperamentvoller Tybor Baltes. Romeo wird indes mit Hilfe einer Intrige der Gymnasiasten der Schule verwiesen. Der Schulleiter der Realschule, Herr Schmidt, dessen um Ausgleich bemühte Interventionen weitgehend ins Leere laufen, wurde von Sina Thannheiser als ruhiger und bedächtiger Charakter verkörpert, während Theresa Schneider mit wütendem Gestus die Musiklehrerin der Gesamtschule mimte, die schließlich ungestüm auf Konfrontationskurs mit Frau Rottweiler geht. Für mehr Toleranz wirbt dagegen Pater Lorenz (Sina Thannheiser in einer weiteren Rolle), der beide Schülerfraktionen unterrichtet. Die intrigante gymnasiale Camarilla beginnt letztlich zu bröckeln, als die Gymnasiastin Desiree, prägnant verkörpert von Svenja Blamberger, vehement gegen die Falschaussagen ihrer Mitschüler opponiert, welche Romeo verunglimpft haben. Sie lässt sich dabei auch nicht von der zickenhaften Linda (Nicole Meyer) beirren, die hier „Verrat“ wittert. In großer Sorge um den mittlerweile verschwundenen Romeo Belmonte und seine Julia ergehen sich Ben (Julia Willms), ein weiterer Freund Romeos, und Nanni (Sophie Schünemann), Julias beste Freundin. Doch das vermisste Liebespaar taucht wohlbehalten wieder auf und gleichzeitig kommt die Wahrheit über das Geschehen ans Licht. Schließlich ringt sich Frau Kapulet zu einem Gang nach Canossa durch und bittet bei ihrer Tochter und Herrn Belmonte um Verzeihung für ihr Verhalten. Mit nachgerade italienischer grandezza (großartig: Anneke Willms)und viel Empathie gewinnt der Eisverkäufer und ehemalige Opernsänger die Sympathien von Julias Mutter, während Julia selbst in der abschließenden „Balkonszene“ ihre Liebe zu Romeo feiert.

Andreas Stolz