In der Fremde - In der Heimat - Mittendrin

Ein Kunstprojekt an der Maria-Ward-Realschule Eichstätt Ungezwungen geht es zu zwischen den Schülern aus der „Willkommensklasse“ und den Schülerinnen der 8 B der Maria-Ward-Realschule. Dabei ist die Situation nicht gerade alltäglich. 13- und 14-jährige Schülerinnen arbeiten mit acht- bis zwölfjährigen Kindern, die meist aus Syrien und Afghanistan stammen, konzentriert an einem ungewöhnlichen Kunstprojekt. „Neugierde auf die `Neuen` und der Wunsch, sich aktiv unterstützend einbringen zu können standen am Anfang des Projektes“, erklärt Alice Lüder, Kunstlehrerin der 8b. Der Kontakt war schnell hergestellt. Trotz Sprachschwierigkeiten fanden sie schnell zu einem gemeinsamen Spiel auf dem Pausenhof. „Die Herausforderung bestand darin, diese Motivation, die Energie der ersten Begegnungen auch künstlerisch zu nutzen“, so die Kunstlehrerin zur Entwicklung der Idee, mit Schablonengraffitis den Moment festzuhalten. Im ersten Schritt wurden fotografisch Bildmotive entwickelt, die als Vorlage für Schablonen dienten. Um Themen wie Gemeinschaft, Freundschaft und Hilfsbereitschaft darzustellen, fotografierten die Schülerinnen verschiedene Szenerien. Die Motive entstanden nach Bildideen wie „An einem Strang ziehen“, „Über den Tellerrand schauen“ und „Den Blickwinkel wechseln“. Im nächsten Schritt stand die Faszination Graffiti im Raum. Die Technik, Bilder mit Hilfe einer Schablone zu erstellen, ist so alt wie die Kunst. Schon in Steinzeit-Höhlen finden sich Motive, bei denen die Künstler Farbe durch ein Röhrchen an die Felswand bliesen und scharfe Konturen erstellten, indem sie ihre Hände als Schablonen nutzten. Hinzu kommt natürlich der Hauch des Underground der nicht zuletzt durch geheimnisvolle Streetart Künstler wie Banksy gepflegt wird. „Graffitis halten in besonderer Weise die Energie des Moments fest. Grelle Farben, starke Kontraste und die zügige Erstellung des Bildes machen es zu einer Kunstform, die der Fantasie und Spontanität viel Raum geben“, erklärt Alice Lüder. Unter Federführung der großen Mädels ging es mit Spraydosen, Schablonen und Papier auf die Wiese. Durch einen leichten Regen ließ sich die Gruppe nicht irritieren. Die Schüler und Schülerinnen der Willkommensklasse staunten nicht schlecht, als sie dann plötzlich selbst Kunstobjekt waren. Jeder wusste genau, wo er selbst im Graffiti zu sehen war. In den Motiven des Kunstprojektes entstand eine sehr persönliche Reflexion der Integration von Flüchtlingen und der Erfahrungen der gemeinsamen Arbeit. Die Schülerinnen der 8b haben es genossen, die Mädchen und Buben der Willkommensklasse einige Wochen zu begleiten. Die anfängliche Sorge, ob sie sich denn mit den unbekannten Schülern ausreichend verständigen können, wurde ersetzt durch die Erfahrung, eigene Wege der Verständigung zu schaffen, zur Not mit Händen und Füßen. Die Neugier entwickelte sich zu Interesse und zum gegenseitigen Austausch. Am Ende stand die Erkenntnis, dass das Fremde nur teilweise anders ist, viele Situationen entsprachen den eigenen Erfahrungsschatz. Auf Seite der Pädagogen stand die Erfahrung eines Projektes, das vor allem von dem Engagement und der Selbstständigkeit der Schüler getragen wurde. Text und Fotos: Alice Lüder. Die schulpflichtigen Kinder der Erstaufnahmeeinrichtung werden ab dem neuen Schuljahr nicht mehr in der Willkommensklasse der Maria-Ward-Realschule sein, sondern regulär vom Staat beschult werden, die jüngeren in der Grundschule am Graben, die älteren in der Mittelschule Schottenau. Dorey Mamou, der syrische Lehrer in der Willkommensklasse, begrüßte die Übernahme der Beschulung durch den Staat: „Auf diese Weise können die Kinder einen staatlichen Schulabschluss erwerben, das ist die Grundlage für eine Zukunft in Deutschland!“ Schulleiterin der Maria-Ward-Realschule Eichstätt, Barbara Staudigl, bedauert, dass damit die tägliche und ungezwungene Begegnung zwischen den Maria-Ward-Schülerinnen und -Schülern und den Flüchltingskindern nicht mehr gegeben ist. Einig sind sich jedoch beide: Es ist gut, dass die Flüchltingskinder der Erstaufnahmeeinrichtung möglichst frühzeitig regulär beschult werden!

Alice Lüder