„Das Mädchen hinter dem Zaun“

Ein berührendes Gastspiel der Schülertheatergruppe der Gnadenthal-Realschule an der Maria-Ward-Realschule Eichstätt

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“, mahnte der Frankfurter Philosoph Theodor Adorno vor über 50 Jahren. Wir dürfen nicht müde werden, jungen Menschen von dem Schrecklichen zu erzählen, das in unserem Land passiert ist. Und mit ihnen zu sprechen über die Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind: andere auszugrenzen, sie zu Sündenböcken zu machen, sie zu demütigen, einzusperren, zu vertreiben, ihnen Rechte zu nehmen oder sie gar zu töten. Eine junge Theatergruppe von 12- bis 15-jährigen Schülern hat Adornos Forderung aufgegriffen und für den Holocaust-Gedenktag im Januar ein berührendes und erschütterndes Theaterspiel geschrieben und inszeniert. Nach dem großen Erfolg in Ingolstadt waren sie zusammen mit ihrer Regisseurin Eva Leopold zu zwei Gastspielen an die Maria-Ward-Realschule nach Eichstätt eingeladen.

Grundlage des Stücks ist das Buch „Der Junge im gestreiften Pyjama“ des irischen Autors John Boyne. „Das Mädchen hinter dem Zaun“ kommt mit wenig Text aus. Der ist dafür umso eindringlicher, wenn er auf der schlichten Bühne, die mit einem Stacheldrahtzaun in zwei Hälften getrennt ist, gesprochen wird.
Beklemmend und bedrohlich wirken die sechs jungen Menschen, die die linke Bühnenseite dominieren. Sie sind schwarz gekleidet, tragen eine Armbinde, die eine Assoziation zur SS erlaubt, gehen im Gleichschritt, haben eine starre Mimik. Und sie verkünden und bringen Unheil. Gesetze zum Schutz des deutschen Volkes. Auf der rechten Seite des Stacheldrahtes erscheint ein weiterer Chor. Auch diese Menschen tragen schwarze Hosen, einen Pyjamaoberteil – und einen Judenstern. Auch sie treten gemeinsam auf, doch von Gleichschritt keine Spur. Sie taumeln, sind erschöpft, zittern. Und sie zitieren Paul Celans Todesfuge „Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts, wir trinken und trinken. Wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng.“

Die beiden Hauptdarstellerinnentreten auf: Hanna, das arische Mädchen auf der linken Zaunseite, Tochter des Lagerkommandanten, der aus Berlin nach Auschwitz versetzt wurde, um die Endlösung der Judenfrage voranzutreiben. Und Ruth, das jüdische Mädchen auf der rechten Zaunseite. Eine zarte Freundschaft entwickelt sich, auch wenn Hanna auf Grund der deutschen Propaganda nicht ermessen kann, welches Leben Ruth leben muss.
Die Zuschauer erleben nun im Wechsel das Leben auf der linken und rechten Zaunseite, sehen mit an, wie sich die Familie des Lagerkommandanten spaltet, die ältere Tochter dem Vater nacheifert und sich der Ideologie der Nazis anschließt. Wie die Mutter immer unglücklicher wird, weil sie das Leben nahe des Lagers nicht ertragen kann und schließlich durchsetzt, dass sie mit den Kindern nach Berlin zurückkehrt.

Auf der rechten Lagerseite wird der Chor der Juden immer kleiner. Und dann trifft es auch Ruth. Ihre Mutter ist verschwunden, sie kann sie nicht mehr finden. Hanna, die nach Berlin zurückkehren wird, bietet der Freundin einen letzten Liebesdienst an: Sie wird auf die andere Zaunseite kommen und Ruth bei der Suche helfen. Ruth besorgt Lagerkleidung, Hanna wechselt auf die andere Zaunseite.

Und dann geschieht das Unfassbare: Drei Pfiffe ertönen, der Chor der schwarz gekleideten Nazis erscheint auf der Lagerseite. Im Gleichschritt bringen sie den Tod. Jede Jüdin und jeder Jude wird mit einem grauen Tuch verhüllt, im Gleichschritt abtransportiert. Auch Hanna.

Die Mutter findet schließlich das rote Jäckchen der Tochter auf der linken Seite des Zauns. Sie macht ihrem Mann eine Szene – wortlos, aber beredt. Und der Lagerkommandant, der in seiner Uniform polternd und mächtig vom Sieg des deutschen Volkes gesprochen hatte, zitiert mit gebrochener Stimme und hörbaren Fragezeichen. „Deutschland, Deutschland über alles???“

Atemlosigkeit und Betroffenheit im Publikum waren zum Greifen nahe, nachdem diese junge Theatergruppe aus 20 Schülerinnen und einem Schüler mit unglaublicher Präzision und Symbolik, mit wenig Worten und ausdrucksstarken Szenen gezeigt hatten, wie wenig es braucht, um auf der einen oder anderen Seite des Stacheldrahtzauns zu sein. Und dass es nicht mehr als drei Pfiffe und einen Befehl braucht, um Menschen zu töten.
Es ist ein Stück, das man sich in alle Schulen Deutschlands wünscht – „damit Auschwitz nicht noch einmal sei…“.

Barbara Staudigl