„Das Leben fragt nicht“

Dichterlesung an der Maria Ward-Realschule Eichstätt.

Eine außergewöhnliche Lesung konnten die zehnten Klassen der Maria Ward-Realschule Eichstätt erleben, war doch die junge Ingolstädter Autorin Paula Böhm zu Gast und gab eindrucksvolle Kostproben ihres viel beachteten Debüt-Romans „Das Leben fragt nicht“. In Sprache, Duktus und Wortwahl kommt der Text zunächst wie ein authentischer Jugendroman daher, vom Gehalt und der geistigen Tiefenschärfe her geht er jedoch weit darüber hinaus. Tyler, ein schüchterner 17-jähriger Außenseiter, hat keine ernsthaften Probleme, fühlt sich jedoch nicht lebendig und leidet am täglichen Trott seines routinierten Schülerdaseins. Um dem zu entkommen, beschließt er ausnahmsweise einmal eine angesagte Party zu besuchen. Dort begegnet er zufällig der selbstbewussten und lebensbejahenden Erzieherin (!) Amaya, die, obgleich kaum älter, alles an Lebendigkeit und Lebenserfahrung in sich zu vereinigen scheint, was Tyler abgeht. Zwischen dem ungleichen Paar entspinnt sich ein wortreicher Dialog, der schon bald die Small-Talk-Ebene verlässt und zu einer folgenschweren Freundschaft wird, die sich schließlich zu einer unglücklichen Liebesbeziehung auswächst. Hier geht es aber nun nicht in erster Linie um jugendliche Party- oder Liebeserlebnisse, so zentral diese für die meisten jungen Menschen auch sein mögen, sondern um nichts Geringeres als die „Eigentlichkeit“ und Kontingenz des Lebens durchaus im Heideggerschen Sinne. Das machen auch die vielen mehr oder weniger philosophischen Maximen und Reflexionen deutlich, die jedem Kapitel des Romans voranstehen und die Ereignisse in einen viel grundlegenderen Kontext einbetten. Und dabei nimmt es dann auch nicht weiter wunder, dass hier – bewusst oder unbewusst – Gedanken über das sinnvolle und erfüllte Leben, die Pädagogik, das Erwachsenwerden und die Liebe auftauchen, die sich ganz ähnlich schon in Hölderlins „Hyperion“ oder Goethes „Werther“ artikulieren. Im Gegensatz zu „Werther“, der seinem Gefühlstaumel erliegt oder zu „Hyperion“, der in Resignation und Weltschmerz verfällt, gelingt es Paula Böhms Helden jedoch nicht nur in seine „Eigentlichkeit“ zu finden, sondern auch eine geistige und emotionale Unabhängigkeit zu entwickeln, die ihn letzten Endes zu einem reifen Erwachsenen macht. In einer zunehmend infantilen und narzisstischen Kultur, die nur „das gnadenlos ichversessene Über-Ich verehrt“ sollte man dem Wiener Philosophen Robert Pfaller zufolge wieder lernen, auch weniger ichkonforme Instanzen anzuerkennen, zum Beispiel „in Gestalt kindlicher Götter wie der des unverantwortlich mit seinen Liebespfeilen schießenden kleinen Knaben Eros.“ In diesem Sinne enthält dieser moderne Entwicklungs- und Liebesroman ein unschlagbares Lehr- und Identifikationsangebot an alle Jugendlichen und junggebliebenen Erwachsenen, das von großen Teilen des Publikums in Eichstätt auch dankbar angenommen wurde.

Andreas Stolz