Als Flüchtling durch die deutsche Bürokratie

Münchner Theaterprojekt an der Maria-Ward-Schule Schülerinnen durchlebten einen außergewöhnlichen Vormittag

Eichstätt (EK) Sie hat es geschafft: Anna Knörr ist nun „anerkannte Bürgerin der BRD“ – der „Bürokratischen Republik Deutschland“. Mit einer Cola-Dose in der rechten, einem Formular mit offiziellem Stempel in der linken Hand tritt sie in Begleitung eines finster blickenden Beamten aus dem „Einbürgerungsraum“ der Maria-Ward-Realschule. Gemeinsam mit 50 Mitschülerinnen der neunten Jahrgangsstufe hat Knörr am Theaterprojekt „Rollentausch im Asylverfahren“ der beiden Münchner Künstler Paul Huf und Lars Mentrup teilgenommen. Ziel des Projekts: Als Schüler im Rollentausch mit Flüchtlingen einmal hautnah zu erleben, wie es als Asylbewerber ist, sich den komplizierten und oftmals unangenehmen Weg durch die deutsche Bürokratie ins Land der Verheißung zu bahnen.

Die Erleichterung steht der Neuntklässlerin deutlich ins Gesicht geschrieben: Die langwierige Prozedur vom Eintritt in den Warteraum bis zur erfolgreichen Einbürgerung hat ihr viel abverlangt. Mit ihrer Nachstellung des sozialkritischen Münchner Mitmach-Kunstprojekts „Das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden!“ haben Paul Huf und Lars Mentrup zusammen mit der Masterstudentin Mitra Shateri ihr aufwendiges Theaterprojekt erstmals an einer oberbayerischen Schule, der Maria-Ward-Realschule, realisiert.

Schon im Dezember 2016 war das Projekt in München auf große Resonanz gestoßen: Um in die Erfahrungswelt von Geflüchteten eintauchen zu können, hatte das Theaterteam „Infra Beuys“ – neben Huf und Mentrup zehn Flüchtlingsschauspieler aus dem Irak, Syrien, Somalia, Senegal und Afghanistan – einen labyrinthartigen begehbaren Parcours von Warte- und Ämterräumen nachgebildet. Die Idee dahinter: zu zeigen, in welcher Weise Bürokratie, Sprachbarrieren und Diskriminierung Geflüchteten ihre Ankunft und ihren potenziellen Aufenthalt in Deutschland erschweren.

Auch die aufwendig umgestalteten Räume im Untergeschoss der Maria-Ward-Realschule sind am Theaterprojekttag nicht wiederzuerkennen: Es sind Fenster abgeklebt worden, es herrscht düstere Stimmung. Enge Gänge sorgen für beklemmende Atmosphäre. Überall blinken bedrohlich wirkende Überwachungskameras, die Wände sind mit Plakaten voller rätselhafter Informationen in allen erdenklichen fremden Sprachen behängt. Immer wieder öffnen sich Türen, die Flüchtlingsschauspieler treten – abweisend blickend, teilweise vermummt oder mit schusssicheren Westen ausgestattet – als geschulte „Beamte“ ein und aus und sorgen für Unruhe und Unsicherheit.

Lediglich einige wenige Details hatten die Neuntklässlerinnen vor dem Projektstart an diesem Schulmorgen von ihren Klassenlehrerinnen erhalten: Ihre Aufgabe sei es, Asyl in der BRD zu beantragen, da in ihrem Land Krieg herrsche; die mitwirkenden Schauspieler seien jugendliche Flüchtlinge, die Schülerinnen sollten sich aktiv bemühen, die entsprechenden Formulare für den Asylantrag zu erhalten.

Mit mulmigem Gefühl im Bauch sitzen die Schülerinnen dann gruppenweise in der ersten Station der insgesamt vier nachgebauten Räume: Warteraum, Untersuchungsraum, Terrorraum und Einbürgerungssaal. Schon gleich am Empfang fängt die Irritation an, denn der unfreundliche Herr am Computer spricht Arabisch, hinter der Wand sind immer wieder griechische, russische, syrische, paschtunische Sprachfetzen zu hören. Sporadisch erhebt der Beamte sich mitten im Gespräch mit einer „Flüchtlingsschülerin“, schreit wütend zu den Wartenden, dass weder Essen und Trinken noch Reden oder Telefonieren erlaubt sei. Dann schiebt er die schon stark eingeschüchterte Schülerin grob zur Leibesvisitation in den nächsten Raum. Schülerin Marlene Zöpfl hat Pech: Sie muss, schon jetzt höchst irritiert und unsicher, in den „Terrorraum“, wo sie von drei vermummten Beamten wegen Verdachts auf Beziehungen zu einer Terrororganisation zehn unendlich lange Minuten auf Herz und Nieren geprüft wird. Quälend lang starren die Beamten sie an: „Es war sehr unheimlich und furchteinflößend, das möchte ich als Flüchtling nie erleben müssen“, betont Zöpfl, als sie endlich aus dem dunklen Vernehmungsraum treten kann. Von dort darf sie direkt in den hell erleuchteten „Einbürgerungsraum“, wo sie Bürgerin der „Bürokratischen Republik Deutschland“ wird. Doch auch dort zum Abschluss noch einmal Irritation pur: Zwar erklingt die deutsche Nationalhymne, doch die beiden Beamten, die mit Zöpfl zusammen eine Hand auf die deutsche Flagge, die andere aufs Herz legen, sprechen keinen einzigen Ton. Mit einer Cola als Begrüßungsgeschenk verlässt sie verstört den Saal: „Da fühlt man sich nicht gerade erwünscht!“, meint die Schülerin. Genau das ist das Ziel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Schultheaterprojekts, das die am Institut für Deutsch als Fremdsprache der LMU München tätige Studentin Mitra Shateri in Zusammenarbeit mit den Künstlern Paul Huf und Lars Mentrup begleitet. In ihrer Masterarbeit untersucht sie, ob das Schulprojekt Empathie und Perspektivenwechsel fördern kann: „Der Durchgang durch das inszenierte Bürokratie-Labyrinth soll es den Schülern ermöglichen, nachzuempfinden, wie sich die oftmals gleichaltrigen Geflüchteten fühlen, die Ungewissheit und Tod erlebt haben und bei uns Sprachbarrieren und Diskriminierung erleben müssen.“

Kulturelle und soziale Unterschiede führten oftmals zu gesellschaftlichen Spannungen, die sich in Vorurteilen und Feindlichkeit gegenüber den Mitmenschen äußern könnte, so Shateri. Gerade der zunehmende Rechtspopulismus habe von diesen Spannungen Gebrauch gemacht: „Die Schule als Institution für die Gesellschaft bietet sich daher dafür an, Empathie zu fördern und aktiv zum Abbau von Vorurteilen und Fremdenhass beizutragen“, betont Shateri.

Paul Huf und Lars Mentrup zeigten sich sehr angetan von der Bereitschaft der Schülerinnen, trotz ihrer teilweise schon im ersten „Wartesaal“ aufkommenden Zweifel und Ängste an dem Projekt teilzunehmen. Immer wieder lobten sie die Neuntklässlerinnen nach überstandener Prozedur, nicht ohne ihnen mit Nachdruck zu betonen: „Das, was ihr hier erlebt habt, war noch harmlos gegenüber dem, was in deutschen Ämtern alles möglich ist.“ Irreale Altersschätzungen bei Flüchtlingen, demütigende Körperuntersuchungen, komplettes Entblößen vor mehreren Beamten bis hin zu falsch geschriebenen Namen, die dem Geflüchteten dauerhaft seine eigentliche Identität nähmen – all dies sei bei Asylanträgen und -verfahren Realität.

Schülerin Anna Knörr bereut es nicht, das Bürokratie-Labyrinth miterlebt zu haben: „Ich war zwar ganz schön genervt, gestresst und gereizt, aber jetzt kann ich mich sehr gut in die Flüchtlinge hineinversetzen, was sie miterleben müssen.“ Auch ihre Klassenkameradin Lena Böhmer, die sich nur zögerlich zur Teilnahme am Projekt entscheiden konnte, ist froh, mitgemacht zu haben: „Ich hatte immer ein wenig Angst vor Asylanten, aber jetzt kann ich sie viel besser verstehen, was sie als Geflüchtete durchgemacht haben“, meint sie. Fragend blicken zum Schluss alle auf die Cola-Dose. Paul Huf löst das Rätsel schmunzelnd: „Sie steht für den Eintritt in die westliche Kultur. Doch wenn sie darin aufgenommen sind, dann sind die Geflüchteten weitgehend alleingelassen in der neuen Kultur.“

Quelle: Eichstätter Kurier erstellt am 15.10.2017 um 18:31 Uhr  aktualisiert am 15.10.2017 um 22:17 Uhr von Dagmar Kusche